Presse-Archiv

Hier finden Sie Artikel aus der freien Presse zu unserem Mammographie-Screening-Programm


29.01.2015 – “Wir entdecken keinen Krebs, den es nicht gibt”


Pressebericht aus dem Stader Tageblatt:
© 2015 Zeitungsverlag Krause GmbH & Co. KG

Durch die Kritik am Mammografie-Screening sind Frauen verunsichert und fragen nach Informationen

Die heftige, oft polemische Medienkritik am Mammografie- Screening-Programm für Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahre hat manche Teilnehmerin auch im Landkreis Stade verunsichert. Vor allem der Vorwurf, dass das Screening zu viele falsch-positive Ergebnisse und zu viele Überdiagnosen produziert, irritiert viele potenziellen Teilnehmerinnen.


„Wir erhalten immer wieder Anrufe von Frauen, die wissen wollen, was falsch-positive Diagnosen, Überdiagnosen und Übertherapien heißt“, berichtet Birte Brachmann, die das Screening-Büro Elbe-Weser leitet: „Vor allem bei den 50-bis 51-Jährigen, die zum ersten Mal teilnehmen, ist der Informationsbedarf hoch“.







Was sich hinter diesen Begriffen verbirgt, erklärt Dr. Thilo Töllner, der Programmverantwortliche Arzt des Screening-Bereichs Elbe-Weser: „Ein falsch-positiver Befund oder eine Überdiagnose liegen vor, wenn wir im Fall von Auffälligkeit in der Mammographie durch weitere Nachuntersuchungen feststellen, dass es sich nicht um einen bösartigen Tumor oder eine Vorstufe handelt, sondern um eine harmlose, gutartige Veränderung.“ Diese Abklärungsuntersuchungen müssen im Rahmen des Screening-Programms durchgeführt werden, wenn bei der Befundung der Aufnahmen durch zwei erfahrene Radiologen und nach einer Konferenz mit dem Programmverantwortlichen Arzt ein bösartiger Befund nicht sicher ausgeschlossen werden kann.



„Mit ‘Übertherapie’ bezeichnen Kritiker vor allem die Fälle, in denen eine kleine Tumorvorstufe entfernt oder eine Gewebeprobe im Rahmen der Abklärung entnommen wird, obwohl die potenziell bösartigen Tumorvorstufen das Leben der Frau nie gefährdet hätten“, erklärt Dr. Töllner: „Dieses Argument halte ich für besonders zynisch. Denn nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung kann niemand sicher ausschließen, dass sich diese Vorstufe nicht doch in einigen Monaten oder Jahren zu einem bösartigen Tumor entwickelt. In vier von fünf Fällen entsteht aus der Vorstufe ein Krebs, der nicht oder zu spät behandelt sehr wohl das Leben der betroffenen Frau gefährdet – es sei denn, sie stirbt vorher an einer anderen Krankheit oder durch einen Unfall.“

„Die positiven Ergebnisse des Screenings sind unbestritten“, sagt die Buxtehuder Frauenärztin Dr. Edith Schuler und bestätigt die Resultate internationaler Studien zum Thema Screening, die von einer Risikoreduktion der Brustkrebssterblichkeit um 25 Prozent für alle Frauen und um 40 Prozent für jede Teilnehmerinnen des Screenings ausgehen. Auf Deutschland bezogen heißt das: 73 000 Frauen erkranken jährlich an Brustkrebs, 17 500 sterben daran. Wenn alle Frauen regelmäßig am Screening-Programm teilnehmen würden, könnten pro Jahr etwa 4500 Frauen gerettet werden, weil ihre Brustkrebserkrankung früher entdeckt wird. Etwa 80 Prozent der im Screening entdeckten Tumore sind kleiner als zwei Zentimeter und 78 Prozent dieser Karzinome haben sich noch nicht in die Lymphknoten ausgebreitet. Sie sind gut behandelbar und die Frauen haben beste Aussichten auf völlige Heilung und den Erhalt ihrer Lebensqualität.

Aus der Sicht von Frauenärzten wie Dr. Schuler ist die Kritik am Screening völlig überzogen. „Wir empfehlen unseren Patientinnen, die zu den Vorsorgeuntersuchungen in unsere Praxis kommen, immer auch am Screening- Programm zur Früherkennung von Brustkrebs teilzunehmen, wenn sie das anspruchsberechtigte Alter von 50 Jahren erreichen. Diese Untersuchungen sind von so hoher Qualität und sicherer als jede andere Methode, die wir Gynäkologen in unseren Praxen anbieten können“, sagt Dr. Schuler. Auch sie muss immer wieder Fragen beantworten und ihre Patientinnen über den Nutzen des Programms informieren.

Grundsätzlich gilt im Landkreis Stade, so berichtet Dr. Töllner: „Wir entdecken keinen Krebs, den es nicht gibt“. Um die Untersuchung noch sicherer und schonender für die Teilnehmerinnen zu machen, wird in den ohnehin strahlungsarmen digitalen Mammographie-Geräten der MVZ Klinik Dr. Hancken in Stade, Buxtehude und im Mammobil die neueste Technik installiert, dadurch kann die Strahlendosis um weitere 30 Prozent reduziert werden.

Das Mammobil steht noch bis 9. Februar 2015 auf dem Parkplatz des Elbe Klinikums Buxtehude. Am 12. Februar beginnen die Screening-Untersuchungen in Apensen. Bis 26. Februar bleibt das Mammobil dort in der Buxtehuder Straße 5.

Schweizer Rechenspiele

Vor allem die in vielen deutschen Medien publizierte Entscheidung der Schweizer Expertenkommission, im Alpenland ein Brustkrebs-Screening-Programm nicht einzuführen, hat auch hierzulande die Einstellung der Screening- Teilnehmerinnen beeinflusst. Berichtet wurde die Entscheidung, aber nicht, wie sie zu Stande gekommen ist. Das Swiss Medical Board hat die Daten aus Studien über Screening-Programme, die in anderen Ländern schon seit mehreren Jahrzehnten laufen, genommen. Daraus ergibt sich, dass die Durchführung eines systematischen Screenings zu einer relativen Risiko- Reduktion der Brustkrebssterblichkeit für alle Frauen um 25 Prozent, für die regelmäßig teilnehmenden Frauen selbst um 40 Prozent führt.

Dann allerdings haben die Schweizer die unbestrittenen Ergebnisse mit einem „Nutzwert“ gewichtet. Dieser Nutzwert soll unter anderem die Beeinträchtigung der Lebensqualität von Screening-Teilnehmerinnen, die beispielsweise zur Nachuntersuchung bei Auffälligkeiten einbestellt werden, abbilden.

Dabei wurde willkürlich angenommen, dass Frauen, die einen positiven Befund aus den Mammographien erhalten haben, der durch die Nachuntersuchungen entkräftet werden wird, sich also als „falsch“ herausstellt, sechs Monate unter dieser Verunsicherung leiden. Dadurch wird ihre Lebensqualität im Vergleich zu gesunden Frauen, die nicht am Screening teilnehmen, etwas, um 0,1 Punkte, beeinträchtigt. Dann wurde dieses ziemlich willkürliche Ergebnis noch den Kosten einer Screening-Untersuchung gegenübergestellt und schon erhielten die Experten ein negatives Kosten-Wirksamkeits-Ergebnis und damit einen Grund das Screening-Programm abzulehnen.

Hätten sich die Experten an realistische „Unsicherheitszeiträume“ von zwei Tagen bzw. maximal zehn Tagen im Fall einer Nachuntersuchung mit Biopsie gehalten, wäre das Ergebnis ihrer Untersuchungen deutlich positiv ausgefallen. Das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat eine Kosten-Nutzen-Bewertung anhand dieser fragwürdigen Nutzwertfaktoren abgelehnt.
Die Expertenkommissionen, die die Wirksamkeit der Screening-Programme in den Niederlanden und in Großbritannien bewertet haben, sprachen sich eindeutig für die Fortführung des Brustkrebs-Screenings aus – auf willkürlich gewählte Annahmen zur Beeinträchtigung von Lebensqualität durch Unsicherheit wurde dort verzichtet.